28 Gespräche mit HERA

Das Coffee-Table-Buch „RE:VIEW – Wozu die Menschheit retten?“ ist am 14. September 2026 erschienen. „Während die ESA-Raumsonde HERA im All Daten für die planetare Verteidigung sammelt, richtet sich ihr Blick mit diesem Buchprojekt zurück auf die Erde: Was ist der Mensch, was zerstört er, was erschafft er – und verdient er eine Zukunft? Planetare Abwehr – eine globale Herausforderung mit wenig Sichtbarkeit. Der erste Teil des Buches liefert die Hintergründe und die Geschichte der ersten sprechenden Raumsonde, die gegen alle Widerstände ins All startete. Die zentrale Frage, die Hera auf ihrer Mission beantworten soll: Können der Erde gefährlich nahekommende Weltraumkörper durch gezielte Sondeneinschläge von ihrem Kollisionskurs mit unserem Heimatplanenten abgelenkt werden? Collagierte Illustrationen und Fotografien verbinden Fakten mit Emotionen und machen Wissenschaft erlebbar.“ (Informationstext des Verlags) „Im Anschluss entsteht aus der Perspektive von HERA ein vielstimmiges Porträt unserer Spezies mit Beiträgen und Gesprächen des KI-Companions mit besonderen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Kultur und Gesellschaft.“ (Informationstext des Verlags) Mit dabei sind unter anderem der Queen-Musiker und Astrophysiker Brian May, der ehemalige kanadische Astronaut Chris Hadfield, die erste Weltraumtouristin Anousheh Ansari, der „Interstellar“-Visionär Paul Franklin, die PETA-Gründerin Ingrid Newkirk, der Ex-Gitarrist von Guns N‘ Roses Ron „Bumblefoot“ Thal, der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach, der Künstler Jonathan Meese und der Technikphilosoph und Maschinenethiker Oliver Bendel, der 2025 das Buch „300 Keywords Weltraum“ veröffentlicht hat. „So wird aus einer Mission ein visuell kraftvolles Buchobjekt über Menschheit, Technik, Verantwortung und Hoffnung.“ (Informationstext des Verlags) Das Buch mit seinen 400 Seiten und zahlreichen Bildern ist im Buchhandel verfügbar.

Abb.: Ein Ausschnitt aus einer der zehn Seiten mit Oliver Bendel

Spaghetti mögen alle gern

1983 erschien in der Südwest Presse eine Seite über ausländische Kinder in Ulm und anderswo in Deutschland. Oliver Bendel, damals 15 Jahre alt und seit dieser Zeit immer wieder für die Zeitung tätig, führte dafür ein Interview mit acht Kindern aus der Türkei, Jugoslawien, Griechenland, Rumänien, Russland und Italien. Der Titel lautete „Spaghetti mögen alle gern“.  Die Seite wirkt aus heutiger Sicht wie ein kleines Zeitdokument. Sie interessiert sich für den Alltag der Kinder, für Schule und Familie, Lieblingsessen und Heimat, Freundschaften und Zukunftswünsche. Dabei kommen auch Erfahrungen mit Vorurteilen und Ausgrenzungen zur Sprache. Wie immer auf dieser Seite, die sich an Jungen und Mädchen wendet, geben die Kinder selbst den Ton an. Ihre Antworten zeigen, wie unterschiedlich ihre Lebenssituationen waren – und wie selbstverständlich zugleich ihre Wünsche nach Zugehörigkeit, Freundschaft und einem guten Leben. Mehr als vierzig Jahre später haben sich Begrifflichkeiten, Herkunftsländer sowie gesellschaftliche und politische Debatten verändert. Die grundlegenden Fragen sind jedoch geblieben. Für viele Ausländer, welchen Alters auch immer, ist das Leben in Deutschland keineswegs einfacher geworden. Fremdenfeindlichkeit, Benachteiligung und die Frage, wer als zugehörig angesehen wird, beschäftigen das Land weiterhin. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf diese alte Zeitungsseite. Sie erinnert daran, dass hinter großen Debatten immer einzelne Menschen stehen, mit ihren Vorlieben und Sorgen, ihren Erfahrungen und Hoffnungen. Und manchmal gibt es überraschend einfache Gemeinsamkeiten. Spaghetti mochten jedenfalls schon damals alle gern.

Abb.: Der obere Teil der Seite

Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive IV

Schließlich stellt sich eine grundsätzlichere sprachwissenschaftliche Frage: Warum sollte ein Asterisk innerhalb eines Worts für alle Sprecher automatisch die Bedeutung „Personen aller biologischen und sozialen Geschlechter“ tragen? Sprachliche Zeichen erhalten ihre Bedeutung nicht allein dadurch, dass eine Gruppe ihnen eine bestimmte Bedeutung zuschreibt. Sie müssen von den Adressaten entsprechend verstanden und konventionalisiert werden. Gerade Eckhard Meineke hat zudem ausführlich darauf hingewiesen, dass maskuline Personenbezeichnungen im Deutschen historisch und grammatisch nicht auf die Bedeutung „männlich“ reduziert werden können, sondern seit langem auch geschlechtsübergreifend verwendet werden. Wer diese vorhandene generische Funktion durch neue Zeichen ersetzt, muss deshalb nicht nur deren inklusive Absicht, sondern auch deren tatsächlichen kommunikativen Vorteil zeigen. Und hier liegt eines der Grundprobleme. Inklusion darf nicht nur aus der Perspektive des Schreibenden definiert werden. Entscheidend ist auch der Adressat. Wenn eine Schreibweise blinden Menschen Schwierigkeiten bereitet, für manche Leser zusätzliche Verarbeitungskosten erzeugt, morphologisch mitunter die männliche Form beschädigt, grammatikalisch oftmals gar nicht umsetzbar ist, nicht notwendig geschlechtlich ausgewogene Vorstellungen hervorruft und von einem erheblichen Teil der Sprachgemeinschaft nicht als selbstverständliche Orthografie verstanden wird, ist die Bezeichnung „inklusive Sprache“ keine treffende Beschreibung, sondern nur ein fragwürdiger Anspruch. Ob Sprache inklusiv ist, entscheidet sich nicht an der guten Absicht des Autors oder des Sprechers, wenn diese überhaupt vorhanden ist, sondern – nicht zuletzt – daran, wie zugänglich sie für ihre Hörer und Leser ist. Literatur: Bosse, Ingo; Schluchter, Jan-René; Zorn, Isabel (Hrsg.) (2019): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. / Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) (2024): Gendern. Position des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. DBSV – Gendern. https://www.dbsv.org/gendern.html. / Friedrich, Marcus C. G.; Drößler, Veronika; Oberlehberg, Nicole; Heise, Elke (2021): The Influence of the Gender Asterisk („Gendersternchen“) on Comprehensibility and Interest. Frontiers in Psychology, 12, 760062. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.760062. / Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) (2020): Gendersternchen. Die Position der GfdS zur Verwendung des Gendersternchens. GfdS – Gendersternchen. https://gfds.de/gendersternchen/. / Körner, Anita; Abraham, Bleen; Rummer, Ralf; Strack, Fritz (2022): Gender Representations Elicited by the Gender Star Form. Journal of Language and Social Psychology, 41(5), 553–571. DOI: 10.1177/0261927X221080181. / Meineke, Eckhard (2023): Studien zum genderneutralen Maskulinum. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. / Zacharski, Lisa; Kruppa, Alexandra; Ferstl, Evelyn C. (2025): The Readability of the Non-Binary Gender Star in German: Evidence From a Lexical Decision Task. Social Psychological Bulletin, 20, 13719. DOI: 10.32872/spb.13719.

Abb.: Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive

Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive III

Noch bemerkenswerter ist, dass der Genderstern offenbar keineswegs automatisch eine geschlechtlich ausgewogene Vorstellung erzeugt. Experimente von Körner und Kollegen fanden bei solchen Formen einen weiblichen Bias: Nach „Autor*innen“ etc. wurden Bezüge auf Frauen leichter beziehungsweise schneller verarbeitet als Bezüge auf Männer. Die ausgeschriebene Paarform erzeugte dagegen die ausgewogensten Vorstellungen. Die Behauptung, der Genderstern bilde Männer, Frauen und weitere Geschlechter gleichermaßen ab, trifft also keineswegs zu. Wird beim Sprechen zudem der Glottisschlag nicht realisiert, fällt etwa „Autor*innen“ lautlich mit „Autorinnen“ zusammen. Und auch in Texten findet sich oft ein generisches Femininum, das es in dieser Form im Deutschen gar nicht gibt. Medien wie die Republik in der Schweiz produzieren so regelmäßig Falschinformationen, etwa wenn es heißt, Deutschland habe „80 Millionen Einwohnerinnen“. Dazu kommt ein praktisches Problem, das viele längere gegenderte Dokumente vorführen: Es existiert kein einheitliches System. Stern, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I, Paarform und neutrale Ersatzformulierungen konkurrieren miteinander. Selbst Texte, die besonderen Wert auf „geschlechtergerechte“ Sprache legen, produzieren dadurch grammatische Zweifelsfälle und Inkonsistenzen. Das „Handbuch Inklusion und Medienbildung“ liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Dort stehen verschiedene Systeme nebeneinander, und ausgerechnet im Kapitel über Barrierefreiheit findet sich die Konstruktion „blinde_r Nutzer_innen“ – und das keineswegs im Genitiv. Dass Genderanhänger oft im eigenen System scheitern, zeigt die völlig verunglückte Konstruktion „Adressat_inn_enkreis“ in einem anderen Kapitel.

Abb.: Alle sollen einbezogen und mitgenommen werden

Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive II

Ein weiteres Problem kann gerade aus dem Bemühen um geschlechtsneutrale Ersatzbegriffe entstehen. Personenbezeichnungen werden dabei häufig durch Funktions-, Tätigkeits- oder Sammelbezeichnungen ersetzt. Aus dem „Putzmann“ oder der „Putzfrau“ wird die „Putzkraft“, aus Mitarbeitern werden „Personal“ oder „Beschäftigte“, aus Teilnehmern „Teilnehmende“. Solche Formen vermeiden zwar die Geschlechtsmarkierung, können aber einen Preis haben: Der Mensch tritt sprachlich hinter seiner Funktion zurück. Besonders deutlich wird das bei der „Putzkraft“. Bezeichnet wird nicht mehr unmittelbar eine Person, sondern eine für eine bestimmte Tätigkeit eingesetzte „Kraft“ – ähnlich wie bei „Arbeitskraft“ oder „Hilfskraft“. Was als inklusive Lösung gedacht ist, kann dadurch distanzierter, bürokratischer und im Einzelfall sogar entpersonalisierend wirken. Geschlechtsneutralität ist deshalb nicht automatisch mit einer menschlicheren oder inklusiveren Ausdrucksweise gleichzusetzen. Bei den Partizipformen ergeben sich zudem oft Bedeutungsverschiebungen: Alle Menschen sind Forschende, aber nur einige sind Forscher. Hinzu kommen sprachstrukturelle Probleme. Bei Formen wie „Ärzt*in“ ist „Ärzt“ keine deutsche maskuline Personenbezeichnung; bei „Kolleg*in“ bleibt als Stamm „Kolleg“, ebenfalls nicht die vollständige maskuline Form. Die Gesellschaft für deutsche Sprache, ansonsten der Gendersprache zugewandt, benennt genau dieses Problem und schreibt zur Verwendung des Gendersternchens: „Die GfdS rät aus sprachwissenschaftlicher Sicht von der Verwendung dieser Formen geschlechterbewusster und genderneutraler Sprache ab.“ Ausgerechnet bei einer Schreibweise, die alle einschließen soll, ist demnach die männliche Form teilweise nicht mehr vollständig enthalten. Aktivistische Kreise reagieren auf eine solche Beobachtung oft spöttisch. Männer könnten auf diese Weise einmal selbst erfahren, was sprachlicher Ausschluss bedeute. Zum einen wird dabei das genderneutrale Maskulinum missverstanden. Zum anderen wird deutlich, dass es bestimmten Personen und Gruppen gar nicht um Inklusion geht, sondern um das schiere Gegenteil.

Abb.: Echte Inklusion ist ein wichtiges Ziel

Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive I

Der Anspruch sogenannter inklusiver Sprache ist hoch: Niemand soll sprachlich ausgeschlossen werden. Doch gerade unter dem Gesichtspunkt der Inklusion wirft das Gendern erhebliche Probleme auf. Zunächst einmal sind Genderstern, Unterstrich und Doppelpunkt für viele blinde und sehbehinderte Menschen problematisch. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband rät von allen drei Formen ab. Sonderzeichen können beim Vorlesen übergangen oder mitgesprochen werden, den Vorlesefluss stören und die Braille-Ausgabe erschweren. Auch der oft als barrierefrei bezeichnete Doppelpunkt wird vom Verband ausdrücklich nicht empfohlen. Sonderzeichen und Satzzeichen im Wortinneren sind also (bis auf Bindestrich und Apostroph) der deutschen Sprache nicht nur strukturell fremd, sondern sie benachteiligen auch bestimmte Gruppen. Für die allgemeine Lesbarkeit ist die Sache ebenfalls weniger eindeutig, als das Etikett „inklusive Sprache“ suggeriert. Zwar finden manche Studien keine schlechtere subjektive Verständlichkeit gegenderter Texte. Daraus folgt jedoch nicht, dass Genderzeichen den Lesefluss nicht beeinträchtigen. Teilweise wurden weder Lesezeiten noch Blickbewegungen oder das tatsächliche Textverständnis gemessen. Die Autoren solcher Studien weisen selbst darauf hin, dass Leser möglicherweise mehr Zeit benötigen, um dasselbe Verständnisniveau zu erreichen. Wo die unmittelbare Worterkennung untersucht wurde, zeigten sich bei weniger an Genderformen gewöhnten Nichtstudenten zunächst langsamere Reaktionen, und bei komplexeren Sternformen wurden auch Beeinträchtigungen der Verständlichkeit festgestellt. Gerade die alltägliche Erfahrung, an Genderzeichen beim Lesen kurz zu stolpern, ist damit keineswegs widerlegt. Wie stark dieser Effekt bei verschiedenen Lesergruppen und in längeren Texten ausfällt, ist vielmehr noch unzureichend untersucht.

Abb.: Niemand soll ausgeschlossen werden

Ein Handbuch über Inklusion schafft selbst Barrieren III

Dass es auch anders geht, zeigt das Kapitel „Barrierefreie Kommunikation und Sprache“ von Carola Werning und Susanne Bömig. Es formuliert den schönen Grundsatz: „Barrierefreie Kommunikation bedeutet daher: Ich möchte, dass das, was ich mitteile, für alle zugänglich ist.“ … Dieser Beitrag kommt ohne Genderstern und Unterstrich aus und schreibt beispielsweise schlicht „Schülerinnen und Schüler“ (was man als unnötige Dopplung auch beanstanden kann, was hier aber durchaus Sinn ergeben kann, wenn man die Geschlechter hervorheben will). Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass verschiedene Autoren unterschiedlich schreiben. Es ist der Zielkonflikt zwischen zwei Vorstellungen von Inklusion: Genderzeichen sollen sichtbar machen und die gewohnte Wahrnehmung von Personenbezeichnungen unterbrechen, barrierearme Sprache soll dagegen möglichst leicht, vertraut und störungsfrei verarbeitet werden können. Ob und wie stark Genderformen das Lesen tatsächlich erschweren, muss empirisch untersucht werden und lässt sich nicht für alle Leser pauschal beantworten. Doch gerade das fordert das Handbuch bei anderen sprachlichen Maßnahmen selbst. Die entscheidende Frage müsste deshalb lauten: Wie soll ausgerechnet die Schreibweise „blinde_r Nutzer_innen“ einem blinden Benutzer das Lesen erleichtern? Solange darauf keine überzeugende Antwort vorliegt, illustriert das Handbuch einen grundlegenden Widerspruch: Man kann sprachlich niemanden ausschließen wollen und dabei zugleich neue Barrieren schaffen.

Abb.: Inklusion geht anders

Ein Handbuch über Inklusion schafft selbst Barrieren II

Das Kapitel „Barrierefreiheit“ von Anne Haage und Christian Bühler erklärt unter Berufung auf das Behindertengleichstellungsgesetz, Medien sollten „ohne besondere Erschwernis“ zugänglich sein, und zählt das Verstehen ausdrücklich zu den Dimensionen der Barrierefreiheit. Ausgerechnet in einem Abschnitt über Screenreader und blinde Menschen begegnet einem dann die Form „blinde_r Nutzer_innen“ – und das keineswegs im Genitiv. Später ist von „Schüler_innen“, „Lehrer_in“, „Kursleiter_innen“ und „Pädagog_innen“ die Rede. Noch widersprüchlicher wirkt das Kapitel „Leichte Sprache – ein Mittel zur Barrierefreiheit?“ von Saskia Schuppener, Anne Goldbach und Bettina M. Bock. Seine drei Autorinnen warnen zu Recht davor, gut gemeinte sprachliche Regeln automatisch für verständlich zu halten. Regeln müssten empirisch daraufhin überprüft werden, ob sie ihren Adressaten tatsächlich helfen. Untersuchungen mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringer Lesekompetenz zeigten sogar, dass manche sprachlichen und typographischen Maßnahmen das Verständnis erschweren können – „auch und gerade für schwächere Leser_innen“. Die Skepsis gegenüber sprachlichen Eingriffen erstreckt sich jedoch nicht erkennbar auf die eigene Orthografie. Im selben Kapitel finden sich „Nutzer_innen“, „Mitarbeiter_innen“, „Leser_innen“, „Anbieter_innen“ und sogar die bemerkenswerte Konstruktion „Adressat_inn_enkreis“. Besonders treffend ist, dass die Autoren selbst vor Barrierefreiheit als bloßem „Aushängeschild“ warnen: Anbieter könnten damit signalisieren, sich um Barrierefreiheit zu kümmern, ohne hinreichend zu prüfen, ob ihre Texte für die Adressaten tatsächlich funktionieren. Genau diese Frage müsste man auch an Gendersprache stellen: Dient die sprachliche Markierung tatsächlich dem Leser oder signalisiert sie vor allem die angeblich inklusive Haltung des Schreibenden?

Abb.: Menschen mit Dyslexie haben kaum eine Chance

Ein Handbuch über Inklusion schafft selbst Barrieren I

Ein „Handbuch Inklusion und Medienbildung“ (Beltz Juventa, 2019) ist wohl einer der letzten Orte, an denen man sprachliche Barrieren erwarten würde. Gerade hier geht es um Zugänglichkeit und Verständlichkeit, um Hilfestellungen wie Leichte Sprache, um Assistenztechnologien wie Screenreader und um die unterschiedlichen Voraussetzungen von Lesern. Umso bemerkenswerter ist die Sprache des Handbuchs selbst. Da es sich um einen Herausgeberband handelt, sollte man die von Kapitel zu Kapitel wechselnden Schreibweisen nicht vorschnell den Herausgebern – Ingo Bosse, Jan-René Schluchter und Isabel Zorn – anlasten. Vielleicht gab es eine allgemeine Erwartung oder eine Empfehlung des Verlags, sogenannte geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, während die konkrete Umsetzung den einzelnen Autoren überlassen blieb; belegen lässt sich eine solche Vorgabe anhand des Buches allerdings nicht. Das Ergebnis ist jedenfalls ein bemerkenswertes Durcheinander aus Unterstrich, Genderstern, Schrägstrich, Paarformen und gewöhnlichen Personenbezeichnungen. Wirklich interessant wird dieser Befund dort, wo einzelne Beiträge ihre eigenen Maßstäbe für Barrierefreiheit formulieren.

Abb.: Blinde könnten Mühe mit diesem Buch haben

Wird der „Zauberberg“ zugebaut?

Das heutige Waldhotel Davos wurde 1911 als Waldsanatorium Professor Jessen erbaut. 1912 kurte hier Katia Mann ihren Lungenspitzenkatarrh aus. Thomas Mann besuchte sie und sammelte Eindrücke, die später – neben seinen Beobachtungen auf der Schatzalp – in „Der Zauberberg“ (1924) einflossen. Auch architektonisch ist das Haus bedeutend. Seine prosaische Rückseite zeigt zum Wald, wo Eichhörnchen herumflitzen. Seine charakteristische, fast lyrische Südkurve wurde gezielt auf Licht und Sonne ausgerichtet, bei freiem Blick auf die Davoser Bergwelt und, mit etwas Glück, kühn herumfliegende Alpendohlen. Nun soll unmittelbar davor ein hoher Neubau entstehen. Die Bauprofile sind bereits angebracht und lassen die beunruhigenden Dimensionen erkennen. Teile des historischen Hauses würden künftig auf einen nur wenige Meter entfernten Baukörper blicken; Personal und Gäste würden einen erheblichen Teil der heutigen Aussicht verlieren. Zugleich wäre das Waldhotel vom Tal aus teilweise verdeckt. Die Frage ist, wie viel Schutz ein architektonisch sowie kultur- und literaturgeschichtlich bedeutender Ort mitsamt seiner Umgebung verdient. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das weit über Davos hinaus beachtet und von den Medien in der Schweiz und in Deutschland aufgegriffen werden sollte. Bisher herrscht Schweigen im Walde.

Abb.: Das Sanatorium im Jahre 2012 (Foto: Die Kunst, Bd. 26, Universitätsbibliothek Freiburg)

Ein Roboter in Gestalt einer Ente

Enten waren immer wieder Vorbild für animaloide Automaten und Roboter, insbesondere in Frankreich und Japan. Das europäische Land ist eigentlich für seinen grausamen Umgang mit diesen Tieren bekannt, scheint ihnen aber auch freundlich gesonnen zu sein. Berühmt wurde die mechanische Ente von Jacques de Vaucanson aus dem Jahre 1738/1739. 1709 in Grenoble geboren, starb der begnadete Ingenieur 1782 in Paris. Pollen Robotics hat seinen Sitz in Bordeaux. Das Unternehmen gehört inzwischen zu Hugging Face mit Sitz in Manhattan. Mit Microduck hat es einen kompakten Roboter vorgelegt, der als Experimentierplattform für Physical AI und Reinforcement Learning entwickelt wurde. Mit einer Höhe von rund 25 Zentimetern und einem Gewicht von weniger als 800 Gramm ist er vergleichsweise klein. Zur Ausstattung gehören 15 Motoren, eine Kamera, ein LiDAR-Sensor, zwei IMUs (Sensoren, die Beschleunigungen und Drehbewegungen messen), Mikrofone und Lautsprecher. Ein beweglicher Schnabel ermöglicht es der kleinen Ente zudem, kleine Gegenstände zu greifen. Sie kann laufen, sitzen, aufstehen, Gegenstände aufnehmen und verschiedene Bewegungsabläufe ausführen. Auch auf Inline-Skates, die man dazu bestellen kann, kann sie dahingleiten. Nach einem Sturz vermag sie sich aus unterschiedlichen Positionen selbstständig wieder aufzurichten. Im Mittelpunkt steht jedoch weniger die Nutzung als klassisches Roboterspielzeug als vielmehr das Experimentieren mit einem lernenden KI-System. Bewegungen und Verhaltensweisen können zunächst in einer Simulation trainiert und anschließend auf den realen Roboter übertragen werden. Dieses sogenannte Sim-to-Real-Verfahren ermöglicht praktische Experimente mit Reinforcement Learning und Robotik. SDK, Simulation und Software für Reinforcement Learning stellt Pollen Robotics als Open Source zur Verfügung. Microduck verbindet damit eine vergleichsweise zugängliche Hardwareplattform mit aktuellen Methoden der KI- und Robotikforschung. Weitere Informationen sind über pollen-robotics.com verfügbar.

Abb.: Microduck in Aktion (Foto: Pollen Robotics)

Ein besonderes Lexikon zur Robotik

Seit 2016 sind fünf „Keywords“-Bände von Oliver Bendel bei Springer Gabler erschienen, dazu ein weiterer, der gemeinsam mit Kollegen verfasst wurde, und zwei Neuauflagen. Am 2. September 2026 wurde der Vertrag für das – je nach Zählweise – sechste oder neunte Lexikon dieser Art geschlossen. Bis 2016 waren die „Keywords“-Bände ausschließlich vom Verlag selbst zusammengestellt worden, was auch später noch das übliche Verfahren war. Sie speisten sich aus Beiträgen, die im Gabler Wirtschaftslexikon veröffentlicht worden waren. Beispiele sind „222 Keywords Wirtschaftsgeografie“ oder „333 Keywords Arbeitsrecht“. Oliver Bendel führte seine eigenen „Keywords“-Bände ein, die aus seinen im Gabler Wirtschaftslexikon veröffentlichten Beiträgen und von ihm neu geschriebenen Texten bestanden. Es wurden Themen wie „Informationsethik“, „Digitalisierung“, „Soziale Robotik“, „Generative KI“ und „Weltraum“ abgedeckt. Der sechste Band wird den Titel „400 Keywords Robotik: Roboter aus technischer, wirtschaftlicher und ethischer Perspektive“ tragen. Insbesondere durch die philosophischen Betrachtungen hebt sich das Buch von anderen Grundlagenwerken ab. Es finden sich nicht nur Einträge wie „Allzweckroboter“, „Endeffektor“ und „Freiheitsgrad“, sondern auch solche wie „Schönheit“, „Kultur“ und „Robozän“. Das Lexikon wird Anfang 2027 auf den Markt kommen.

Abb.: Oliver Bendel in Windisch (Foto: Jork Weismann)

Hack Apertus in Olten

Mit Hack Apertus startet im Herbst 2026 eine schweizweite Hackathon-Reihe rund um Apertus, das offene Schweizer Sprachmodell. Die Hochschule für Wirtschaft FHNW beteiligt sich als akademischer Partner an der Initiative und ermuntert ihre Studenten dazu, eigene Ideen, Experimente und Anwendungen einzubringen. Prof. Dr. Andreas Martin ist der Ansprechpartner. Apertus wurde im Rahmen der Swiss AI Initiative von Forschern der ETH Zürich, der EPFL und weiteren Partnern entwickelt und auf dem Supercomputer Alps des Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) trainiert. Eine Besonderheit ist die konsequente Offenheit: Modelle, Code und Informationen zum Training sind öffentlich zugänglich. Im Juli 2026 erschien mit Apertus 1.5 eine neue Version, die neben Text auch Bilder und Audio verarbeiten kann und verbesserte Fähigkeiten beim logischen Schlussfolgern und beim Einsatz von Werkzeugen bietet. Genau hier setzt Hack Apertus an. Vom 1. bis zum 16. Oktober 2026 findet zunächst ein Online-Hackathon statt. Die Aufgaben reichen vom Red-Teaming über die Anpassung an Schweizer Sprachen und Idiome bis hin zur Entwicklung eigener Anwendungen. Anschließend folgen Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Schweiz. Die besten Projekte treffen sich im Mai 2027 zum Finale in St. Gallen. Die entwickelten Prototypen sollen als Open Source veröffentlicht werden. Auch an der Hochschule für Wirtschaft FHNW wird praktisch mit Apertus gearbeitet: Beim MAKEathon am 24. und 25. Oktober 2026 auf dem FHNW-Campus Olten sind entsprechende Challenges vorgesehen. Interdisziplinäre Teams entwickeln dort innerhalb von zwei Tagen Prototypen für konkrete Problemstellungen. Damit verbindet die Hochschule für Wirtschaft FHNW aktuelle KI-Forschung mit einem Ansatz, der zu ihrem praxisorientierten Profil passt: Neue Technologien werden nicht nur diskutiert, sondern in konkreten Projekten erprobt und auf ihren Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft untersucht. Weitere Informationen und Anmeldung über hackapertus.ch.

Abb.: Studenten in Olten (Foto: Pati Grabowicz)

Ein neuer Booboo im Social Robots Lab

Im privat finanzierten Social Robots Lab von Prof. Dr. Oliver Bendel ist seit September 2026 ein grauer Booboo zu finden. Alternative Namen sind Boo Boo, BooBoo und Cupboo AI Robotic Pet. Bereits seit Juli 2024 wohnt dort ein schwarzer Booboo, der aber im Juli 2026 an die Universität Potsdam gereist ist, um dort einige Zeit zu verbringen. Genmoor schreibt auf seiner Website: „Boo Boo is not just a toy. It is also the king of the planet Lonely …“ (Website Genmoor). Nach Angaben des Herstellers werden die Bewegungen von Boo Boo durch ein komplexes Steuerungssystem ermöglicht. „Therefore please be kind to Boo Boo, it is not an ordinary robotic pet. It could give you different responds according to your interaction.“ (Website Genmoor) Weitere Roboter und Figuren im Social Robots Lab sind u.a. Unitree Go2, Alpha Mini, Cozmo, Vector, AIBI, Eiliko, Furby, Tamagotchi, Hugvie und HUGGIE. Zu Besuch waren wiederholt NAO und Pepper, wie auch eine 3sat-Dokumentation aus dem Jahre 2023 verrät. Die Genmoor Group ist nach eigenem Bekunden eine „exclusive group for daring futurists who love tech-psychology“ (Website Genmoor). Das Unternehmen wurde 2020 in Hangzhou (China) gegründet. In den Wahlmodulen von Oliver Bendel zur Sozialen Robotik ist der schwarze Booboo besonders beliebt. Der graue wird sich im Februar vorstellen. Die Studentin Sushana Yogeswararasah, eine frühere Teilnehmerin, hat ihn bereits auf den Namen Kumo getauft – japanisch für „Wolke“ oder „Spinne“, je nach Kontext und Schriftzeichen.

Abb.: Ein neuer Booboo

Interessenkonflikte bei Innosuisse?

Innosuisse ist die Innovationsagentur des Bundes in der Schweiz und verfügt über ein Jahresbudget von rund 300 Millionen Franken. Mit diesen öffentlichen Geldern fördert sie Unternehmen, Start-ups und Forschungsprojekte. Eine Recherche von RTS/SRF zeigt nun, dass ausgerechnet Personen aus den Leitungsgremien der Agentur direkt oder indirekt mit Unternehmen verbunden sind, die selbst Innosuisse-Fördergelder erhalten haben. Das wirft Fragen nach möglichen Interessenkonflikten und der Kontrolle der Förderentscheide auf. Laut der Recherche gingen rund 20 Förderzahlungen an Unternehmen, die mit Personen aus den Leitungsgremien von Innosuisse verbunden sind. In einem Fall bekamen mehrere Unternehmen eines Mitglieds des Innovationsrats allein 2021 insgesamt rund eine Million Franken. Besonders problematisch erscheint die Entscheidungsstruktur: Über Fördergesuche entscheiden teilweise Gruppen von lediglich drei bis fünf Personen. RTS fand Fälle, in denen ein Mitglied an Beratungen über Projekte eines anderen Mitglieds beteiligt war, während dieses in den Ausstand trat. Später waren die Rollen vertauscht. Innosuisse betont, seine Regeln zu Interessenkonflikten seien dabei eingehalten worden. Auch Innosuisse-Präsident André Kudelski steht im Fokus. Er präsidiert zugleich den Verwaltungsrat von Montreux Media Ventures, das 440.000 Franken Innosuisse-Fördergelder einstreichen konnte. Die Agentur sieht darin keinen Interessenkonflikt, da der Verwaltungsrat nicht über einzelne Fördergesuche entscheidet. Ein von SRF befragter Governance-Experte beurteilt dies anders. Die Recherche belegt keine unrechtmäßige Vergabe. Sie wirft jedoch die grundsätzliche Frage auf, ob Ausstandsregeln und Aufsicht genügen, wenn Personen in den Entscheidungsgremien zugleich vom Fördersystem profitieren können.

Abb.: Innosuisse sitzt in Bern

Das DWDS wird umfassend erweitert

Der Duden ist ein Wörterbuch der deutschen Sprache mit Hinweisen zu Rechtschreibung und Grammatik. Er geht zurück auf Konrad Duden, der ihn am 7. Juli 1880 als „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ veröffentlichte. Nach 1945 bis zur Rechtschreibreform 1996 war der Duden maßgebend für die deutsche Rechtschreibung. Danach verlor er diesen Status und war nur noch als eine mögliche Referenz eines privatwirtschaftlichen Anbieters zu verstehen. Von aktivistischen Verantwortlichen und Redakteuren wurde das Wörterbuch ab 2020 vollständig umgebaut. So wird das generische Maskulinum im Widerspruch zu linguistischen Erkenntnissen als Form aufgefasst, die ausschließlich männliche Personen bezeichnet. Die Bedeutung von „Bewohner“ gibt der Duden an mit „männliche Person, die etwas bewohnt“. In den anschließenden Beispielen wird diese Erklärung als falsch entlarvt, denn „die Bewohner des Hauses, der Insel“ sind eindeutig generisch zu verstehen. Eine weitgehend ideologiefreie, sprachwissenschaftlich kompetente und übrigens auch werbefreie Alternative ist das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Dieses wird von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betrieben. Im Juli 2026 wurde zudem laut Pressemitteilung eine erhebliche Erweiterung beschlossen: Ab 2027 soll das DWDS eine zentrale Rolle im neuen „Akademienzentrum Digitale Lexikographie des Deutschen“ (ADL) übernehmen. Sieben deutsche Wissenschaftsakademien werden darin ihre lexikographischen Ressourcen vernetzen. Ziel ist es, den deutschen Wortschatz von seinen historischen Sprachstufen bis zur Gegenwart umfassend digital zu erschließen und die vorhandenen Wörterbuch- und Forschungsdaten nach einheitlichen Standards zugänglich zu machen. Das Vorhaben wird dauerhaft von Bund und Ländern finanziert.

Abb.: Ein Screenshot der DWDS-Website

ACI 2026: Three Months to Go

In exactly three months, the thirteenth edition of the Animal-Computer Interaction International Conference (ACI 2026) will begin. The conference will take place from December 2 to 5, 2026, at the FHNW Campus Brugg-Windisch in Switzerland. For the first time in its history, the ACI conference will be held in continental Europe. Registration has been open since the end of July, and preparations for the conference are well underway. All submitted papers have now been peer-reviewed, and acceptance and rejection notifications have been sent to the authors. General Chair Oliver Bendel is pleased to see the conference program taking shape and looks forward to welcoming the ACI community to Brugg-Windisch in December. This year’s conference will also feature three workshops, providing opportunities for focused discussion, exchange, and collaboration on topics relevant to Animal-Computer Interaction and related fields. ACI 2026 brings together perspectives from computer science, informatics, engineering, interaction design, animal behavior and welfare science, veterinary science, ecology, sociology, philosophy, and related disciplines. The conference provides a forum for theoretical, methodological, empirical, and ethical work that advances dialogue around animal-centered research and the design of computing-enabled systems. In an increasingly networked world shaped by pervasive technologies, animals – both human and nonhuman – are entangled in complex webs of interaction. ACI 2026 will explore how technology shapes human-animal relationships, how large-scale technological deployments affect animals, and how future systems can be designed responsibly and ethically. The conference also includes work in Animal-Machine Interaction (AMI), exploring interaction and communication between animals and machines, including autonomous systems such as drones and robots. All information about the conference, program, workshops, and participation is available on the ACI 2026 website: www.aciconf.org.

Abb.: A view from the conference hall toward the iconic Haller Building

 

Ein Flug über die Landschaft der Sprache III

Man muss sich ebenso darüber im Klaren sein, dass Eingriffe in ein solches System Folgen haben können, die sich später nicht ohne Weiteres zurücknehmen lassen. Gewohnheiten bilden sich aus, Regeln verändern sich, neue Konventionen entstehen und werden an die nächste Generation weitergegeben. Gerade deshalb sollte eine solche Veränderung nicht allein danach beurteilt werden, ob ihre Absicht derzeit als moralisch oder politisch wünschenswert gilt. Auch ihre Folgen für das sprachliche System selbst müssen betrachtet werden. So wie man sorgsam mit der Natur umgehen sollte, sollte man sorgsam mit der Kultur umgehen. Sprache und Schrift sind nicht bloß Material, das für den jeweils gewünschten Zweck beliebig umgeformt werden kann. Die Schrift ist ein historisch junges, über Jahrtausende entwickeltes Kulturwerkzeug, die Schriftsprache ein über Generationen geformtes Kulturgut. Beide haben wesentliche Errungenschaften der Zivilisation erst möglich gemacht. Wer in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, sollte deshalb nicht nur wissen, was er erreichen will. Er sollte auch wissen, worin er eingreift. Und wenn man am Ende noch einmal aufsteigt und über diese Sprachlandschaft hinwegfliegt, sieht man vielleicht deutlicher, was auf dem Boden leicht aus dem Blick gerät, nämlich dass ihre Formen zusammengehören, dass Wege, Grenzen, Erhebungen und Täler eine über lange Zeit entstandene Ordnung bilden. Man kann in diese Landschaft der Sprache eingreifen. Man kann neue Pfade anlegen, Schneisen ziehen und den Verlauf des Geländes verändern. Aber bevor man es tut, sollte man diese Landschaft kennen, denn wer tief genug in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, verändert nicht nur ihr Aussehen. Er riskiert, dass aus Wegen Irrwege, aus Grenzen Hindernisse werden und die Landschaft schließlich ihre wichtigsten Eigenschaften verliert, nämlich dass man sich in ihr zurechtfindet und zueinander findet.

Abb.: Der Walensee in der Schweiz

Ein Flug über die Landschaft der Sprache II

Wenn man nun Zeichen wie den Asterisk, den Unterstrich oder den Doppelpunkt ins Wortinnere einfügt und ihnen dort eine neue strukturelle Funktion zuweist, greift man in diese Topografie ein. Aus „Lehrer“ und „Lehrerinnen“ wird „Lehrer*innen“, „Lehrer_innen“ oder „Lehrer:innen“. Die Zeichen stehen nicht zufällig an dieser Stelle. Sie sollen eine Grenze im Inneren der Wortform sichtbar machen und ihr zugleich eine grammatische und semantische Funktion geben. Der Eingriff betrifft daher nicht nur das Schriftbild. Er verändert die graphematische und orthografische Struktur der Wortform und wirkt auf ihre morphologische Gliederung ein. Das ist kein langsames Verschieben von Platten, kein gemächliches Aufstülpen von Bergen und Ausformen von Tälern. Es ist vielmehr das Einziehen von Schneisen, das Bohren von Löchern. Gewiss kann auch das Ergebnis bewusster Eingriffe irgendwann Teil eines Sprachwandels werden. Aber damit ist noch nicht beschrieben, wie dieser Wandel zustande kommt. Wo neue Formen gezielt vorgeschlagen, propagiert, institutionell gefördert oder normativ verlangt werden, haben wir es nicht allein mit ungesteuertem Sprachwandel zu tun, sondern auch mit Sprachlenkung. Man mag seine Gründe dafür haben, moralische, politische oder sprachpolitische. Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass man ein gewachsenes Gebilde mit seinen einzeln geformten und aufeinander bezogenen Teilen verändert und beeinträchtigt. Dabei war bisher nur von der geschriebenen Wortgestalt, von Graphematik, Orthografie und Morphologie die Rede, noch nicht von anderen Bereichen der Grammatik und des Sprachgebrauchs.

Abb.: Die Lara Bay auf Zypern

Ein Flug über die Landschaft der Sprache I

Wenn man über einen Text deutscher Sprache hinwegfliegt, wenn man seine Topografie erkundet, fallen einem schnell einige Regelmäßigkeiten und Besonderheiten auf. Am Anfang des Satzes steht ein Großbuchstabe. Auch innerhalb des Satzes beginnen manche Wörter mit einem Großbuchstaben. Geschlossene Wortformen sind in der Regel durch Leerzeichen voneinander abgegrenzt. Das Leerzeichen zeigt an, dass ein Wort aufhört und ein neues beginnt. Im Wortinneren steht es nicht. Deutsche Wörter können sehr lang sein. Weithin bekannt ist der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, und man weiß vielleicht, dass man dieses Wort noch weiter verlängern kann. Es ist ein Kompositum. Seine Bestandteile werden nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt. Die deutsche Orthografie kennt allerdings einige Zeichen, die innerhalb von Wortformen auftreten können und dort bestimmte, konventionalisierte Funktionen erfüllen. Dazu gehört der Bindestrich, etwa wenn bestimmte Zusammensetzungen durchgekoppelt werden, wie bei „Künstliche-Intelligenz-Konferenz“. Eine „Künstliche Intelligenz-Konferenz“ ließe dagegen die Zuordnung von „Künstliche“ zumindest grafisch uneindeutig werden. Man könnte gar an eine künstliche Intelligenzkonferenz denken. Auch der Apostroph kann innerhalb einer Wortform erscheinen, etwa in „D’dorf“ oder in „Ku’damm“. So fliegt man dahin und erkennt in der über viele Jahrhunderte gewachsenen Struktur eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit. Groß- und Kleinschreibung, die Bildung und Abgrenzung von Worteinheiten sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den grundlegenden Strukturen der deutschen Schriftsprache. Sie betreffen ihre Graphematik und Orthografie und stehen zugleich in enger Beziehung zur Morphologie, zur inneren Struktur der Wörter.

Abb.: Eine Landschaft in Irland

ICSR + Health 2027: Dates and Venue Confirmed

The 19th International Conference on Social Robotics (ICSR + Health 2027) will take place from July 25 to 28, 2027, on the Griebnitzsee Campus of the University of Potsdam in Potsdam, Germany. ICSR is the leading international forum that brings together researchers, academics, and industry professionals from across disciplines to advance the field of social robotics. Hosted by the University of Potsdam, ICSR + Health 2027 will provide an international platform for scientific exchange, interdisciplinary collaboration, and innovation at the intersection of social robotics and health. The conference welcomes researchers, practitioners, industry partners, and students from around the world working in areas such as social robotics, embodied AI, human–robot interaction, cognitive science, healthcare, psychology, rehabilitation, design, ethics, and related disciplines. Participants will have opportunities to present their research, propose workshops or symposia, take part in the Grand Challenge, volunteer, or support the conference as sponsors. The Honorary Chair is Prof. Dr. Martin Fischer, head of the Potsdam Embodied Cognition Group (PECoG). The General Chairs are Dr. Katharina Kühne of the University of Potsdam and PECoG, Prof. Dr. Ilona Buchem of Berlin University of Applied Sciences (BHT), and Prof. Dr. Oliver Bendel of the FHNW School of Business. Bendel is also an associated researcher at PECoG and, starting September 1, 2026, will be a visiting researcher at the University of Potsdam for one year. The General Co-Chair is Prof. Dr. John-John Cabibihan of Qatar University. Further information, including calls for papers, workshops, the Grand Challenge, volunteering opportunities, sponsorship packages, and registration details, will be announced on the conference website: icsr2027.org.

Fig.: Campus Griebnitzsee (Photo: University of Potsdam/Tobias Hopfgarten)

Der Roboter entsteht Begriff um Begriff

Von Ende Juli bis Ende August 2026 erschienen im Wirtschaftslexikon von Springer Gabler sechs Beiträge von Oliver Bendel, die wesentliche Teile eines Roboters beschreiben, nämlich Roboterkopf, Roboterkörper, Roboterarme, Roboterhände, Roboterbeine und Roboterfüße. Während manche Teile typisch für viele Roboter sind, sind andere typisch für spezielle Modelle, etwa humanoide Roboter oder soziale Roboter. Begriff um Begriff wird der Roboter aufgebaut. Dabei wird je nach Beitrag auf weitere Komponenten und Phänomene verwiesen, wie auf Robot Enhancement oder Physical AI. Für das Wirtschaftslexikon von Springer Gabler schreibt der Technikphilosoph seit 2012. Seitdem sind ca. 300 Beiträge in den Bereichen Ethik, Technik und Wirtschaft entstanden. Der Ton ist stets sachlich, manchmal poetisch, was eine neue Note in das Wirtschaftslexikon gebracht hat. Das Anliegen ist stets, etwas greifbar und deutlich zu machen. So heißt es in der Einführung zu Physical AI: „Es geht nicht nur darum, teilautonome oder autonome Maschinen mit Hilfe von KI aufzuwerten und zu erweitern, wie im Falle von Gesichtserkennung, Gestikerkennung und Emotionserkennung oder von Chatbots für soziale Roboter, sondern darum, für die KI gleichsam einen Körper zu suchen, in dem sie sich entfalten und beweisen kann.“ Die sechs „Keywords“-Bände von Oliver Bendel, ebenfalls bei Springer Gaber erschienen, enthalten sowohl ausgewählte Beiträge aus dem Wirtschaftslexikon als auch neue Beiträge.

Abb.: Der Roboter entsteht Begriff um Begriff (Bild: GPT Image 2)